Kategorie: Tools & Rechner

  • Millionen Steuerungen, eine Deadline: Warum die S7-300-Abkündigung den Maschinenbau vor ein Angebotsproblem stellt

    1. Der Aufhänger – die unsichtbare Masse

    Niemand kann Ihnen sagen, wie viele SIMATIC S7-300 in deutschen Werkshallen stehen. Siemens nennt bewusst keine Zahl – nur, dass sich die Steuerung „millionenfach bewährt“ habe. Seit 1994 ist sie im Einsatz, über drei Jahrzehnte hinweg zum De-facto-Standard im Maschinen- und Anlagenbau geworden. Genau das ist das Problem: Eine Plattform, die so verbreitet ist, dass niemand sie mehr zählt, läuft jetzt aus.

    Und der Auslauf ist keine vage Ankündigung mehr, sondern ein Fahrplan mit Datum. Siemens hat den Produktauslauf 2023 mit dem Meilenstein PM400 eröffnet. Zum 1. Oktober 2025 folgte die Typstreichung PM410 – ab diesem Stichtag sind über 250 Baugruppen der Reihen S7-300 und ET 200M nicht mehr regulär bestellbar, sondern nur noch als Ersatzteil im Reparaturaustausch verfügbar. Die Ersatzteilversorgung ist bis zum 1. Oktober 2033 garantiert. Danach endet sie.

    Aus diesen drei Daten – 2023, 2025, 2033 – wird aus einem „irgendwann müssen wir mal“ ein „das Fenster schließt sich“. Jede Anlage, die heute noch auf einer S7-300 läuft, braucht in den nächsten Jahren eine Entscheidung: migrieren oder das Risiko eines Stillstands ohne Ersatzteil tragen. Bei einer Plattform, die millionenfach verbaut ist, summiert sich diese Einzelentscheidung zu einer Migrationswelle, die den gesamten Markt erfasst – und mit ihr eine Flut von Anfragen, die irgendwann auf Ihrem Tisch landen.

    2. Die Marktgröße greifbar machen

    Wenn die Stückzahl im Dunkeln liegt, lohnt der Blick auf das Geld. Hier wird die Dimension plötzlich scharf. Laut einer Marktanalyse von Mobility Foresights war der weltweite Markt für industrielle Automatisierungs-Retrofits und -Modernisierung 2024 rund 47,6 Mrd. USD wert – und soll bis 2031 auf 86,2 Mrd. USD wachsen, bei einer jährlichen Wachstumsrate von 8,9 %. Das ist kein Auslaufgeschäft, das ist ein Markt, der sich in sieben Jahren nahezu verdoppelt.

    Dass diese Zahl kein Ausreißer ist, zeigt eine zweite, unabhängige Schätzung: MarketsandMarkets beziffert den übergeordneten Markt für industrielle Steuerungs- und Fabrikautomation auf 274,99 Mrd. USD (2025) mit Wachstum auf 435,24 Mrd. USD bis 2030 – ausdrücklich getrieben durch die laufende Modernisierung bestehender Fertigungsanlagen. Zwei verschiedene Häuser, dieselbe Richtung: Der Druck kommt aus dem Bestand, nicht aus dem Neubau.

    Und genau im Bestand sitzt die S7-300. Laut Future Market Insights sind Steuerungs-Upgrades mit rund 37,5 % das größte einzelne Segment im Retrofit-Markt – also exakt jene Arbeit, die eine S7-300-Migration bedeutet. Deutschland zählt dabei zu den führenden Wachstumsregionen. Mordor Intelligence ordnet das Ganze für Europa über Energieeffizienz- und Green-Deal-Vorgaben ein und nennt die hohen Retrofit-Kosten in Brownfield-Anlagen sogar ausdrücklich als eine der zwei größten Bremsen der Branche.

    Kurz: Das Thema ist weder Nische noch Routine. Es ist ein zweistelliger Milliardenmarkt, sein größtes Segment heißt Steuerungs-Modernisierung, und sein anerkannter Schwachpunkt sind genau die Kosten – jene Kosten, die im Angebot beherrscht werden müssen. Ein wichtiger Hinweis dazu: Das sind Analystenschätzungen, keine amtlichen Zahlen. Aber wenn mehrere unabhängige Häuser unabhängig voneinander dieselbe Größenordnung und denselben Treiber nennen, ist das ein belastbares Bild – belastbar genug, um daraus eine geschäftliche Konsequenz zu ziehen.

    3. Warum die Migration teuer ist – die versteckten Kosten

    Eine S7-300 gegen eine S7-1500 zu tauschen klingt nach einem überschaubaren Eingriff: Steuerung raus, Steuerung rein, Programm konvertieren. In der Praxis ist genau das die Annahme, an der Angebote scheitern. Denn die teuren Posten stehen nicht in der Anfrage – sie stecken in dem, was die Anlage über zwei Jahrzehnte angesammelt hat.

    Der erste Kostentreiber ist die Tiefe des Eingriffs. Ein Retrofit ist kein fester Umfang, sondern ein Spektrum: vom reinen Steuerungstausch mit Programmkonvertierung bis zum kompletten Rückbau bis auf die mechanische Basis, bei dem Leitungen, Sensorik, Aktorik und Schaltschrank erneuert werden. Beide Varianten heißen beim Kunden „Retrofit“ – kosten aber ein Vielfaches voneinander. Wer in der Anfrage nicht klärt, welche Tiefe gemeint ist, kalkuliert zwangsläufig die falsche.

    Der zweite Treiber ist die Kommunikation. Eine alte Anlage spricht selten nur eine Sprache: Fremdslaves, ältere Bussysteme, gewachsene Signalverdrahtung. Der Wechsel auf Profinet bedeutet, jede dieser Schnittstellen zu prüfen, anzubinden oder zu ersetzen – inklusive der HMI-/Visu-Ebene, die oft komplett neu aufgesetzt oder im alten Layout nachgebaut werden muss. Dieser Aufwand ist im ersten Gespräch fast nie sichtbar, im Projekt aber kaum vermeidbar.

    Der dritte Treiber ist die Stillstandszeit. Eine Bestandsanlage steht im Produktionsbetrieb, und jede Stunde Stillstand für Umbau, Verdrahtung und Inbetriebnahme kostet den Kunden bares Geld. Das Stillstandsfenster ist damit kein technisches Detail, sondern ein harter kaufmännischer Posten – und einer, der den Zeitplan und die Kalkulation gleichermaßen bestimmt.

    Der vierte Treiber ist die Dokumentation – oder ihr Fehlen. Nach zwanzig Jahren stimmen Schaltpläne nicht mehr mit der realen Verdrahtung überein, Programmstände sind undokumentiert, Firmware und Projektierungsumgebung sind unklar. Jede dieser Lücken muss vor Ort geklärt werden, und jede Klärung kostet Zeit, die irgendwo eingepreist werden muss. Dass die Branche selbst die hohen Retrofit-Kosten in Brownfield-Anlagen als eine ihrer größten Bremsen benennt, ist kein Zufall: Genau diese vier Treiber sind der Grund.

    Das Entscheidende daran: Keiner dieser Posten ist ein Zeichen mangelnder Kompetenz. Sie sind die strukturelle Natur des Brownfield-Geschäfts. Aber sie sind auch der Punkt, an dem sich ein Angebot entscheidet – lange bevor die erste Zeile Code geschrieben wird.

    4. Das eigentliche Problem: die Angebotserstellung

    Die vier Kostentreiber aus dem vorigen Abschnitt haben eines gemeinsam: Sie entscheiden sich nicht im Projekt, sondern im Angebot. Und genau hier liegt die eigentliche Schwierigkeit einer S7-300-Anfrage. Es ist nicht die Technik der Migration – die beherrscht jeder gute Maschinenbauer. Es ist die Frage, wie man für eine Anlage einen belastbaren Preis nennt, die man nur halb kennt.

    Denn eine Retrofit-Anfrage kommt fast nie als vollständiges Lastenheft. Sie kommt als „Wir haben da eine Linie mit S7-300, was kostet die Umstellung?“ – und liefert genau die Informationen nicht mit, die den Preis bestimmen. Der Angebotsmanager steht damit vor einer Reihe blinder Flecken, die er aktiv aufdecken muss, bevor er kalkulieren kann:

    Wie ist die Doku-Lage? Existieren aktuelle Schaltpläne und ein dokumentierter Programmstand, oder beginnt das Projekt mit einer Bestandsaufnahme vor Ort? Wie sieht die Visu-/HMI-Anbindung aus – wird das bestehende Bedienkonzept übernommen oder neu aufgesetzt? Gibt es Fremdslaves und ältere Bussysteme, die mit auf Profinet müssen? Greift die CE-Pflicht, weil der Umbau eine wesentliche Änderung darstellt und eine neue Risikobeurteilung nach sich zieht? Und welches Stillstandsfenster gibt der Kunde vor – darf in Etappen umgebaut werden, oder muss die Linie in einem engen Wochenendfenster wieder laufen?

    Jede dieser Fragen verschiebt den Preis erheblich. Und solange sie offen sind, kalkuliert man nicht – man rät. Das ist der Moment, in dem der gefährlichste Reflex der Angebotserstellung greift: der Pauschalpreis. Unter Zeitdruck, ohne vollständige Information, mit dem Wunsch, schnell eine Hausnummer zu liefern, entsteht eine Zahl, die auf Annahmen statt auf Klärung beruht. Liegt sie zu hoch, ist das Angebot draußen, bevor es gelesen wird. Liegt sie zu niedrig, frisst sich das Projekt durch die Marge – über genau jene versteckten Posten, die in der Anfrage nie standen.

    Das eigentliche Risiko der S7-300-Welle ist deshalb kein technisches. Es ist ein kalkulatorisches. Wer die blinden Flecken nicht systematisch aufdeckt, sondern überspringt, baut die Fehlkalkulation bereits in den ersten Angebotsentwurf ein – und merkt es erst, wenn die Inbetriebnahme das Budget längst überschritten hat.

    5. Der Lösungsansatz – strukturierte Qualifizierung

    Wenn das Risiko nicht in der Technik liegt, sondern im Übersprungenen, dann ist die Lösung keine bessere Kalkulationsformel – sondern eine bessere Klärung, bevor kalkuliert wird. Anders gesagt: Der Hebel sitzt nicht im Preis, sondern in den Fragen, die man stellt, bevor man einen Preis nennt.

    In der Praxis beginnt das mit dem, was die Branche ohnehin als ersten Schritt empfiehlt: einer vollständigen Bestandsaufnahme. Welche Linien laufen noch auf S7-300 oder ET 200M? Welche CPUs, Netzteile, I/O-Baugruppen und Kommunikationsprozessoren sind verbaut, in welchem Firmwarestand, mit welcher Projektierungsumgebung? Eine saubere, aktuelle Stückliste ist nicht Bürokratie – sie ist die Grundlage, auf der jede seriöse Kalkulation überhaupt erst steht. Wer hier Transparenz schafft, verwandelt einen blinden Fleck nach dem anderen in einen kalkulierbaren Posten.

    Der entscheidende Unterschied ist die Systematik. Bauchgefühl klärt die offensichtlichen Punkte und übersieht die teuren. Eine strukturierte Qualifizierung dagegen geht dieselben Fragen jedes Mal in derselben Reihenfolge durch – Doku-Lage, Visu-Anbindung, Fremdslaves, CE-Pflicht, Stillstandsfenster – und stellt sicher, dass kein Kostentreiber unbemerkt durchrutscht. Sie ersetzt nicht die Erfahrung des Angebotsmanagers; sie macht sie reproduzierbar. Das Wissen, das sonst nur im Kopf des erfahrensten Kollegen steckt, wird zur abrufbaren Checkliste, die jeder im Vertrieb anwenden kann.

    Genau an diesem Punkt wird aus einem Prinzip ein Werkzeug. Wenn die richtigen Fragen feststehen und ihre Reihenfolge sich bewährt hat, lässt sich der Klärungsprozess in ein Instrument gießen, das durch genau diese Punkte führt – Anfrage für Anfrage, ohne dass etwas vergessen wird. Kein Ersatz für Fachverstand, sondern ein Geländer für ihn: ein Navigator, der den Weg von der vagen Retrofit-Anfrage zum belastbaren Angebot strukturiert.

    6. Fazit – aus der Deadline ein Angebotsvorteil machen

    Am Anfang stand eine Lücke: Niemand weiß, wie viele S7-300 verbaut sind. Doch genau diese Unschärfe ist der Kern der Geschichte. Auf der einen Seite ein millionenfach verbauter Bestand, ein zweistelliger Milliardenmarkt, dessen größtes Segment Steuerungs-Modernisierung heißt. Auf der anderen Seite ein Datum: der 1. Oktober 2033, ab dem auch das letzte Ersatzteil verschwindet. Riesig und unscharf trifft auf hart und terminiert – diese Spannung erzeugt die Migrationswelle, und sie sorgt dafür, dass die Anfragen kommen werden, ob man darauf vorbereitet ist oder nicht.

    Vorbereitet sein heißt dabei nicht, der technisch beste Migrierer zu sein. Es heißt, der präziseste Anbieter zu sein. Denn der Wettbewerb um diese Projekte entscheidet sich nicht an der Frage, ob jemand eine S7-1500 in Betrieb nehmen kann – das können viele. Er entscheidet sich daran, wer einen Preis nennt, der nach der Inbetriebnahme noch stimmt. Wer die blinden Flecken systematisch aufdeckt, gewinnt zweifach: Er kalkuliert verlässlicher und er signalisiert dem Kunden Kompetenz schon im Angebot – lange bevor die erste Schraube gelöst ist.

    Die S7-300-Abkündigung ist deshalb für den Maschinenbau weniger ein technisches als ein kaufmännisches Ereignis. Sie ist die Bewährungsprobe für die Angebotserstellung – und für jeden, der sie strukturiert angeht, eine Chance, sich genau dort zu differenzieren, wo andere raten.

    Das Werkzeug zum Artikel

    Damit aus diesem Prinzip Praxis wird, finden Sie hier den S7-300-Migrations-Navigator: ein interaktives Tool, das Sie durch die entscheidenden Qualifizierungsfragen einer Retrofit-Anfrage führt – Doku-Lage, Visu-Anbindung, Fremdslaves, CE-Pflicht und Stillstandsfenster – und am Ende ein strukturiertes Anforderungsprofil als Grundlage für Ihr Angebot liefert. Kein Ersatz für Ihren Fachverstand, sondern ein Geländer für ihn.


    Quellen

    Abkündigungs-Timeline & Verbreitung

    1. JC-Electronics – Die Geschichte und Bedeutung der SIMATIC S7-300. Verbreitung seit 1994, „millionenfach bewährt“, Timeline PM400 (2023) / PM410 (Verkaufsstopp 1.10.2025) / Ersatzteilgarantie bis 1.10.2033. https://www.jc-electronics.com/de/blog/Die-Geschichte-und-Bedeutung-der-SIMATIC-S7-300
    2. Liebl Industry Partners – S7-300 vor dem Aus: Was das Auslaufdatum im Oktober 2025 für Betreiber bedeutet. Bedeutung der Typstreichung PM410 aus Betreibersicht, Bestandsaufnahme und Stückliste als erster Schritt. https://liebl-ip.de/s7-300-vor-dem-aus-was-das-auslaufdatum-im-oktober-2025-fuer-betreiber-bedeutet/
    3. Eichler Service – SIMATIC S7-300 / ET 200M – type discontinuation (PM410) effective October 2025. Über 250 betroffene Baugruppen, ab Oktober 2025 nur noch als Ersatzteil verfügbar. https://www.eichler-service.com/en/magazine/article-search/articles/simatic-s7-300-et-200m-type-discontinuation-pm410-effective-october-2025
    4. S&K Anlagentechnik – Abkündigung der beliebten Siemens S7-300 Steuerung. Retrofit-Tiefen (kleines vs. großes Retrofit, Rückbau bis zur mechanischen Basis), HMI-Modernisierung, F-CPU, CE-Begleitung. https://sundk.de/abkuendigung-der-beliebeten-siemens-steuerung/

    Marktgröße & Retrofit-Ökonomie (Analystenschätzungen, keine amtlichen Daten)

    1. Mobility Foresights – Industrial Automation Retrofit and Modernization Market. Marktvolumen 47,6 Mrd. USD (2024) → 86,2 Mrd. USD (2031), 8,9 % CAGR; Brownfield als deutlich größeres Feld gegenüber Neubau. https://mobilityforesights.com/product/industrial-automation-retrofit-and-modernization-market
    2. Mordor Intelligence – Industrial Automation Market. Hohe Retrofit-Kosten in Brownfield-Anlagen als eine der zwei größten Wachstumsbremsen; Europa über Energieeffizienz/Green Deal eingeordnet. https://www.mordorintelligence.com/industry-reports/industrial-automation-market
    3. MarketsandMarkets – Industrial Control & Factory Automation Market. 274,99 Mrd. USD (2025) → 435,24 Mrd. USD (2030), 9,6 % CAGR; Treiber: laufende Modernisierung bestehender Fertigungsanlagen. https://www.prnewswire.com/news-releases/industrial-control–factory-automation-market-worth-435-24-billion-by-2030—exclusive-report-by-marketsandmarkets-302658335.html
    4. Future Market Insights – Industrial Robotics Retrofit Service Market. Control-System-Upgrades als größtes Retrofit-Segment (37,5 % Anteil); Deutschland unter den Top-Wachstumsregionen. https://www.futuremarketinsights.com/reports/industrial-robotics-retrofit-service-market

    Hinweis: Die unter „Marktgröße & Retrofit-Ökonomie“ genannten Zahlen sind Analystenschätzungen verschiedener Marktforschungshäuser und keine amtlichen Daten. Sie sind im Artikel entsprechend als „laut Marktanalyse“ gekennzeichnet.

  • Was ein Angebot im Anlagenbau wirklich kostet

    Das Angebot, das niemand bezahlt

    Jeder Anlagenbauer kennt die Szene: Eine Anfrage kommt herein, sie klingt vielversprechend, und innerhalb weniger Tage ist der halbe Betrieb beschäftigt. Der Vertrieb klärt den Bedarf, das Engineering legt eine erste Lösung aus, der Einkauf holt Lieferantenpreise ein, die Kalkulation rechnet, am Ende geht das Ganze noch durch ein Review. Wochen später liegt ein sauberes Angebot beim Kunden – und niemand im Haus kann sagen, was dieses Angebot das Unternehmen gekostet hat.

    Das ist kein Versehen, sondern die Regel. In den meisten Unternehmen taucht die Angebotserstellung in keiner Kostenstelle als eigene Position auf. Die Stunden verschwinden in Gemeinkosten, der Aufwand gilt als „normales Geschäft“, und gefragt wird erst, wenn jemand sich wundert, warum trotz voller Auftragsbücher zu wenig hängen bleibt. Dabei ist gerade im Anlagenbau das Angebot kein Formular, das man nebenbei ausfüllt. Es ist faktisch ein kleines Vorprojekt: technische Auslegung, Konzeptzeichnungen, Lieferantenanfragen, Risikobewertung. Der Aufwand ist real, er ist erheblich – und er wird fast nie gemessen.

    Wer die wahren Kosten eines Angebots verstehen will, muss auf drei Ebenen schauen, die in der Praxis selten zusammen gedacht werden. Die erste Ebene sind die direkten Kosten: die Arbeitsstunden, die tatsächlich in einem Angebot stecken – über alle beteiligten Abteilungen hinweg. Die zweite Ebene ist die Trefferquote: Wer vier Angebote schreibt und nur eines gewinnt, muss die Kosten der drei verlorenen mittragen. Und die dritte Ebene sind die Folgekosten schlechter Angebote: verlorene Aufträge, falsch kalkulierte Verlustprojekte und Kapazität, die in Anfragen versickert, die nie eine realistische Chance hatten.

    Diese drei Ebenen entscheiden gemeinsam darüber, ob der Vertrieb ein Wachstumsmotor ist oder ein stiller Margenfresser. Der Reihe nach.

    Ebene 1 – Die direkten Kosten: Was wirklich an Stunden drinsteckt

    Der Aufwand für ein Angebot wird leicht unterschätzt, weil er sich über Wochen und über viele Köpfe verteilt. Was in der Erinnerung als „die zwei Tage, an denen wir das Angebot gemacht haben“ hängen bleibt, war in Wirklichkeit eine Kette von Beiträgen: ein Klärungsgespräch hier, eine Auslegung dort, zwischendurch eine Lieferantenanfrage, später eine Abstimmungsschleife, am Ende ein Review. Einzeln wirkt jeder Beitrag klein, in Summe ergibt sich ein erheblicher Aufwand – nur taucht diese Summe nirgends als eine Zahl auf.

    Denn ein ernstzunehmendes Angebot zieht Stunden aus einer ganzen Reihe von Funktionen: Der Vertrieb qualifiziert die Anfrage und hält den Kundenkontakt, das Engineering erarbeitet ein Lösungskonzept und legt zentrale Komponenten aus, der Einkauf holt Lieferantenpreise ein, die Kalkulation überführt alles in Zahlen, und am Ende prüfen Projektleitung oder Geschäftsführung das Ergebnis im Review. Jede dieser Stationen kostet Zeit – und Zeit ist hier die eigentliche Währung.

    Das Problem ist nicht, dass diese Stunden anfallen, sondern dass sie selten an einer Stelle zusammenlaufen. Sie verteilen sich über mehrere Abteilungen, oft parallel zum Tagesgeschäft, und werden nur in den seltensten Fällen auf das einzelne Angebot gebucht. Deshalb lohnt sich eine simple Rechnung: Wie viele Stunden stecken im Schnitt in einem Angebot, wer ist daran beteiligt, zu welchen Stundensätzen – und wie viele Angebote schreiben wir im Jahr? Aus diesen wenigen Größen ergeben sich die durchschnittlichen Kosten eines Angebots fast von selbst.

    Schwieriger als die Stundenzahl ist oft der Stundensatz. Dass Arbeitgeberanteile und Gemeinkosten zum reinen Gehalt hinzukommen, ist in der Praxis meist bekannt und wird auch berücksichtigt. Die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, die Gemeinkosten sauber einem einzelnen Angebot zuzuordnen – sie sind oft unübersichtlich, verteilen sich auf viele Töpfe und entziehen sich der einfachen Zurechnung. Hinzu kommt, dass nicht jede bezahlte Stunde eine produktive, verrechenbare Stunde ist: Urlaub, Krankheit, Weiterbildung sowie interne Tätigkeiten wie Akquise und Verwaltung verhindern, dass sich die volle Jahresarbeitszeit verkaufen lässt. Der belastbare interne Verrechnungssatz liegt damit spürbar über dem nominalen Lohn.

    Eine grobe Orientierung für die Wertigkeit von Engineering-Arbeit liefern Freelancer-Sätze – allerdings mit einer wichtigen Einschränkung. Selbstständige Ingenieure erzielen im DACH-Raum im Mittel rund 95 Euro pro Stunde, eine Umfrage unter mehr als 1.000 selbstständigen Ingenieuren und Informatikern ergab einen durchschnittlichen Netto-Stundensatz von knapp 90 Euro, und für Konstrukteure liegen die häufigsten Sätze bei 70 und 100 Euro pro Stunde. Diese Zahlen sind aber kein direkter Richtwert für den internen Stundensatz: Ein Freelancer-Satz deckt dessen eigene Kosten ab, nicht aber die Gemeinkosten eines Unternehmens – Gebäude, Infrastruktur, Verwaltung, Vorhaltung von Kapazität. Sie zeigen vor allem, dass qualifizierte Engineering-Stunden am Markt teuer sind, und dass spezialisierter Anlagenbau und Automatisierung eher am oberen Ende liegen.

    Wie schnell sich daraus eine ernstzunehmende Summe ergibt, zeigt eine einfache Beispielrechnung für ein mittleres Angebot:

    Beispielrechnung: Direkte Kosten eines mittleren Angebots

    FunktionStundenInterner SatzKosten
    Vertrieb (Qualifizierung, Kundenkontakt)875 €600 €
    Engineering (Konzept, Auslegung)1695 €1.520 €
    Einkauf (Lieferantenanfragen)670 €420 €
    Kalkulation (Preisbildung)675 €450 €
    Review (Projektleitung/GF)4110 €440 €
    Summe40⌀ 86 €3.430 €

    Illustratives Rechenbeispiel mit angenommenen Werten – keine realen Unternehmenszahlen. Die Stundensätze sind interne Verrechnungssätze inklusive Gemeinkostenanteil und liegen daher über dem reinen Lohn. Stunden und Sätze variieren je nach Unternehmen, Projekt und Komplexität stark; bei umfangreichen Anlagen vervielfacht sich vor allem der Engineering-Anteil.

    Über 3.400 Euro für ein einzelnes mittleres Angebot – und das ist eine konservative Annahme. Bei komplexen Anlagen mit umfangreicher Vorauslegung, mehreren Abstimmungsschleifen und kundenspezifischen Konzeptzeichnungen ist es schnell ein Vielfaches davon. Und das ist erst die erste Ebene: die Kosten eines einzelnen Angebots, isoliert betrachtet, ganz ohne die Frage, ob es am Ende gewonnen wird. Genau diese Frage führt zur zweiten Ebene.


    Interaktiver Rechner

    Was kostet ein Angebot wirklich?

    Tragen Sie Ihre eigenen Werte ein und sehen Sie, was ein gewonnener Auftrag Ihr Unternehmen an Angebotskosten tatsächlich kostet – inklusive der Angebote, die nicht zum Auftrag werden.

    Ihre Annahmen

    FunktionStunden€ / Std.
    Vertrieb
    Engineering
    Einkauf
    Kalkulation
    Review / Leitung
    246810

    Angebotskosten je gewonnenem Auftrag

    Kosten je einzelnem Angebot
    Gesamtstunden je Angebot
    Anteil verlorener Angebote je Auftrag

    Hochrechnung auf das Jahr

    Rechenweg anzeigen
    Kosten je Angebot (Summe Stunden × Satz)
    × Angebote je Gewinn (Trefferquote)
    = Angebotskosten je gewonnenem Auftrag
    Hinweis: Dies ist eine Beispielrechnung mit selbst gewählten Annahmen, keine verbindliche Kostenrechnung. Die hinterlegten Stundensätze sind als interne Verrechnungssätze (inkl. Gemeinkostenanteil) zu verstehen und liegen daher über dem reinen Lohn. Stunden, Sätze und Trefferquote variieren je nach Unternehmen, Projekt und Wettbewerbssituation erheblich. Es werden keine Eingaben gespeichert oder übertragen.

    Alle Berechnungen erfolgen lokal in Ihrem Browser.

    Ebene 2 – Die Trefferquote: Wer verliert, zahlt für die Verlorenen mit

    Die erste Ebene betrachtet ein Angebot, als stünde es für sich allein. Doch kein Angebot steht allein. Es ist Teil eines Stroms von Anfragen, von denen nur ein Teil zum Auftrag wird – und dieser Zusammenhang verändert die Kostenrechnung grundlegend. Denn die Stunden, die in ein verlorenes Angebot geflossen sind, sind nicht zurückzuholen. Sie müssen aus den Aufträgen finanziert werden, die man gewinnt. Anders gesagt: Jeder gewonnene Auftrag trägt nicht nur seine eigenen Angebotskosten, sondern auch die der Angebote, die ins Leere liefen.

    Das Verhältnis von abgegebenen zu gewonnenen Angeboten ist im Bauwesen als Bid-Hit-Ratio bekannt – ein Maß, das im Anlagenbau ebenso gilt. Ein Verhältnis von 5:1 bedeutet, dass auf fünf abgegebene Angebote ein Auftrag kommt. Bemerkenswert ist, wie wenige Unternehmen diese Kennzahl überhaupt kennen: In einer Umfrage unter über 2.000 Bauunternehmen verfolgten weniger als sechs Prozent ihr Bid-Hit-Verhältnis – ein Zustand, den der Autor mit dem Fahren eines Rennwagens mit verbundenen Augen vergleicht.

    Dass die Quote selten geschmeichelt ausfällt, zeigen die Benchmarks aus dem komplexen B2B-Geschäft, dem der Anlagenbau strukturell nahesteht: lange Verkaufszyklen, hohe Auftragswerte, mehrere Wettbewerber pro Ausschreibung. Die durchschnittliche B2B-Gewinnrate liegt bei rund 21 Prozent über alle Opportunities, und bei großen Deals jenseits von 100.000 Dollar Auftragswert sinkt sie im Median auf etwa 15 Prozent. Übersetzt heißt das: Bei großen Projekten können auf einen Gewinn sechs, sieben oder mehr verlorene Angebote kommen.

    Was das für die wahren Kosten bedeutet, wird erst in der Multiplikation sichtbar. Bleiben wir bei den rund 3.400 Euro aus der ersten Ebene und nehmen eine Trefferquote von 4:1 an – also ein Gewinn auf vier Angebote, ein für den Anlagenbau keineswegs pessimistischer Wert:

    Beispielrechnung: Angebotskosten pro gewonnenem Auftrag

    GrößeWert
    Kosten pro Angebot3.430 €
    Angebote je Gewinn (Trefferquote 4:1)4
    Angebotskosten gesamt je Gewinn13.720 €
    davon „verlorene“ Angebote (3 ×)10.290 €

    Illustratives Rechenbeispiel mit angenommenen Werten. Die Trefferquote variiert stark nach Projektgröße, Kundenstruktur und Wettbewerbssituation; bei großen Projekten liegt sie häufig niedriger, was die Kosten je Gewinn weiter erhöht.

    Aus einem Angebot, das auf dem Papier 3.400 Euro kostet, werden so fast 14.000 Euro Akquisekosten pro gewonnenem Auftrag – von denen mehr als 10.000 Euro auf Angebote entfallen, die nie zu einem Auftrag wurden. Diese Kosten sind nicht vermeidbar, solange man im Wettbewerb steht; verlorene Angebote gehören zum Geschäft. Aber sie sind eben da, und wer sie nicht kennt, kalkuliert seine gewonnenen Aufträge systematisch zu knapp.

    Hier liegt der eigentliche strategische Hebel dieser Ebene. Die Trefferquote ist keine feststehende Naturkonstante – sie hängt davon ab, auf welche Anfragen man sich überhaupt einlässt. Wer jede eingehende Anfrage bearbeitet, drückt seine Quote und bläht die Kosten je Gewinn auf. Wer dagegen früh und konsequent auswählt, verbessert beides zugleich. Damit ist die Brücke zur dritten Ebene geschlagen: der Frage, was passiert, wenn Angebote nicht nur verloren gehen, sondern schlecht gemacht sind.

    Ebene 3 – Die Folgekosten: Was ein schlechtes Angebot anrichtet

    Die ersten beiden Ebenen drehen sich um den Aufwand – um Stunden und um die Quote, in der sich dieser Aufwand auszahlt. Die dritte Ebene ist anderer Natur. Hier geht es nicht mehr darum, was ein Angebot kostet, sondern darum, was es anrichten kann, wenn es schlecht gemacht ist. Und diese Kosten sind oft die größten, weil sie nicht in der Angebotsphase sichtbar werden, sondern erst danach – wenn es zu spät ist, gegenzusteuern. Drei Schadensbilder sind typisch.

    Der verlorene Auftrag trotz vollem Einsatz. Das offensichtlichste Schadensbild ist das Angebot, in das viel Arbeit floss und das trotzdem nicht gewinnt. Interessant ist dabei weniger das Ob als das Warum. Der mit Abstand häufigste Grund für verlorene Ausschreibungen ist seit Jahren der Preis, gefolgt vom Wettbewerb; nur etwa 13 Prozent der Verluste werden auf die Qualität des Angebots selbst zurückgeführt. Noch aufschlussreicher ist, wann die Weichen gestellt werden: Ein großer Teil der Verluste entsteht bereits vor der eigentlichen Bedarfsklärung – also lange bevor das Angebot geschrieben ist. Wer eine Anfrage falsch einschätzt oder den Bedarf des Kunden nicht früh genug durchdringt, verliert oft schon, bevor das Engineering die erste Stunde investiert hat.

    Der gewonnene Auftrag, der Geld verbrennt. Das zweite Schadensbild ist tückischer, weil es sich als Erfolg tarnt. Ein zu niedrig kalkuliertes Angebot wird gewonnen – und entpuppt sich im Projekt als Verlustgeschäft. Im Anlagenbau, wo einzelne Positionen schnell übersehen oder zu optimistisch angesetzt werden, ist das eine reale Gefahr. Schon eine zu knapp bewertete Position kann hausgemachten Mehraufwand und spürbare Ergebnisabweichungen nach sich ziehen. Anders als ein verlorenes Angebot, das „nur“ die investierten Stunden kostet, bindet ein solches Projekt über Monate Kapazität – und liefert am Ende eine negative Marge. Der teuerste Auftrag ist nicht der, den man verliert, sondern der, den man zum falschen Preis gewinnt.

    Die Kapazität, die in aussichtslosen Anfragen versickert. Das dritte Schadensbild ist das leiseste, weil es keinen sichtbaren Knall erzeugt. Es ist die Energie, die in Anfragen fließt, die nie eine realistische Chance hatten. Die Versuchung, auf jede Anfrage zu reagieren, ist groß – doch sie ist teuer. Wer auf jede eingehende Ausschreibung antwortet, drückt seine Gewinnrate in den einstelligen Bereich und bindet damit Ressourcen, die in gewinnbare Chancen fließen könnten. Jede Stunde, die das Engineering in eine chancenlose Anfrage steckt, fehlt bei dem Angebot, das tatsächlich zu gewinnen gewesen wäre. Die Kosten sind hier doppelt: der direkte Aufwand plus die entgangene Chance an anderer Stelle.

    Diese drei Schadensbilder eint, dass sie sich der einfachen Messung entziehen. Ein verlorenes Angebot taucht in keiner Verlustrechnung auf, ein zu knapp kalkuliertes Projekt wird als Auftragseingang gefeiert, und die versickerte Kapazität merkt niemand, weil das Team ja beschäftigt war. Genau deshalb sind die Folgekosten schlechter Angebote so gefährlich: Sie sind real, sie sind erheblich, und sie bleiben unsichtbar, solange man die drei Ebenen nicht zusammen betrachtet. Das ist der nächste Schritt.

    Die Summe unter dem Strich: Was ein gewonnener Auftrag wirklich kostet

    Einzeln betrachtet wirkt jede der drei Ebenen überschaubar. Ein Angebot kostet ein paar tausend Euro, eine Trefferquote ist eine Zahl auf einem Dashboard, und die Folgekosten sind ohnehin schwer zu fassen. Ihre eigentliche Wucht entfalten die drei Ebenen erst im Zusammenspiel – wenn man sie nicht nebeneinanderstellt, sondern aufeinander aufbaut.

    Die erste Ebene liefert den Grundpreis: Was kostet ein einzelnes Angebot an realem Aufwand über alle Funktionen hinweg? In unserem Beispiel waren das rund 3.400 Euro. Die zweite Ebene multipliziert diesen Grundpreis mit der Realität des Wettbewerbs: Weil nicht jedes Angebot gewinnt, trägt jeder Gewinn die Kosten der verlorenen mit – aus 3.400 Euro wurden bei einer Quote von 4:1 fast 14.000 Euro pro gewonnenem Auftrag. Die dritte Ebene schließlich zeigt, dass diese 14.000 Euro noch eine optimistische Zahl sind, solange alles gut läuft. Kommen schlecht gemachte Angebote hinzu – verlorene trotz Einsatz, gewonnene zum falschen Preis, Kapazität in aussichtslosen Anfragen –, steigt die wahre Belastung weiter.

    Führt man das zu einer Gesamtbetrachtung zusammen, entsteht ein Bild, das in kaum einer Kostenstelle so auftaucht:

    Die drei Ebenen im Zusammenspiel

    EbeneFrageEffekt im Beispiel
    1 – Direkte KostenWas kostet ein Angebot an Aufwand?3.430 € pro Angebot
    2 – TrefferquoteWie viele Angebote je Gewinn?× 4 → 13.720 € pro Auftrag
    3 – FolgekostenWas richtet ein schlechtes Angebot an?Verlustprojekte, verschenkte Kapazität, entgangene Chancen

    Illustratives Rechenbeispiel mit angenommenen Werten. Die absoluten Zahlen sind weniger entscheidend als die Größenordnung und die Logik, in der sich die Ebenen aufeinander aufbauen.

    Die genaue Zahl ist dabei zweitrangig – jedes Unternehmen wird andere Stunden, Sätze und Quoten einsetzen. Entscheidend ist die Größenordnung und die Richtung: Die wahren Akquisekosten pro gewonnenem Auftrag liegen um ein Vielfaches über dem, was die meisten im Kopf haben, wenn sie an „ein Angebot“ denken. Was als überschaubarer Aufwand für ein einzelnes Dokument beginnt, wird über die Trefferquote zu einer fünfstelligen Größe je Auftrag – und über die Folgekosten zu einem Faktor, der ganze Projektmargen kippen kann.

    Diese Erkenntnis ist unbequem, aber sie ist auch eine Chance. Denn eine Kostenposition, die man kennt, kann man steuern. Eine, die man nicht kennt, steuert einen selbst. Womit sich die Frage stellt, was ein Geschäftsführer oder Vertriebsleiter mit diesem Wissen konkret anfängt.

    Konsequenz: Vom Messen zum Steuern

    Die naheliegende Reaktion auf hohe Angebotskosten wäre, sie senken zu wollen – schneller, schlanker, billiger anbieten. Das greift zu kurz. Das Ziel ist nicht das billigste Angebot, sondern das klügste: die richtigen Anfragen, gut gemacht, zu einer Quote, die die Kosten trägt. Dafür braucht es keine große Transformation, sondern drei Schritte, die aufeinander aufbauen.

    Erstens: messen, was bisher unsichtbar war. Solange die Angebotskosten in den Gemeinkosten verschwinden, sind sie nicht steuerbar. Der erste Schritt ist deshalb der einfachste und zugleich wirkungsvollste – die wenigen Größen erheben, aus denen sich alles Weitere ergibt: Wie viele Stunden stecken im Schnitt in einem Angebot, über welche Funktionen verteilt? Wie viele Angebote geben wir im Jahr ab? Und wie viele davon gewinnen wir? Schon diese drei Zahlen verwandeln ein Bauchgefühl in eine Kennzahl – und machen aus „Angebote kosten halt etwas“ eine Größe, über die man Entscheidungen treffen kann.

    Zweitens: auswählen, bevor man arbeitet. Der größte Hebel liegt nicht in der Angebotserstellung selbst, sondern in der Entscheidung davor – ob man ein Angebot überhaupt abgibt. Eine bewusste Go-/No-Go-Entscheidung vor dem Start filtert genau die Anfragen heraus, die Kapazität binden, ohne realistische Chance zu bieten. Das ist kein bürokratischer Zusatzschritt, sondern eine Investitionsentscheidung: Jede Angebotsstunde ist Kapital, das man in die aussichtsreichste Gelegenheit lenken sollte. Wer hier diszipliniert auswählt, verbessert zwei Dinge gleichzeitig – die Trefferquote steigt, und die teuren Engineering-Stunden fließen dorthin, wo sie sich auszahlen.

    Drittens: aus jedem Angebot lernen. Eine systematisch gepflegte Übersicht darüber, welche Angebote gewonnen und welche verloren wurden – und warum –, macht die Trefferquote von einer nachträglichen Feststellung zu einem Steuerungsinstrument. Welche Kundentypen, Projektgrößen oder Anfragearten gewinnen wir überdurchschnittlich oft? Wo verlieren wir regelmäßig, und woran liegt es? Mit der Zeit entsteht daraus ein Profil der lohnenden Anfrage – und die Go-/No-Go-Entscheidung aus dem zweiten Schritt wird von Mal zu Mal treffsicherer.

    Diese drei Schritte sind keine Frage teurer Systeme, sondern der Haltung. Sie verlangen, das Angebot nicht länger als selbstverständlichen Bestandteil des Tagesgeschäfts zu behandeln, sondern als das, was es ist: eine erhebliche, gezielt einsetzbare Investition. Der Anlagenbauer, der weiß, was ihn ein Angebot kostet, gibt nicht weniger Angebote ab – er gibt die besseren ab. Er sagt bei der aussichtslosen Anfrage früher Nein und steckt die gewonnene Kapazität in die Gelegenheit, die er gewinnen kann.

    Am Ende geht es nicht um ein Kostenproblem, sondern um eine Frage der Klarheit. Ein Angebot, dessen wahre Kosten man kennt, ist kein stiller Margenfresser mehr, sondern ein bewusst eingesetztes Werkzeug im Wettbewerb. Und der Unterschied zwischen beidem entscheidet sich nicht in der Angebotsphase – sondern in der Entscheidung, überhaupt hinzusehen.

    Der nächste Schritt: die konkrete Anfrage strukturieren

    Der Rechner oben zeigt, was ein Angebot im Schnitt kostet. Der Angebot-Navigator setzt genau hier an, sobald eine konkrete Anfrage auf dem Tisch liegt: Er führt Sie durch die entscheidenden Qualifizierungsfragen – Doku-Lage, Schnittstellen, Aufwandstreiber, Stillstandsfenster – und liefert am Ende ein strukturiertes Anforderungsprofil als Grundlage für Ihre Kalkulation. So werden aus den drei Ebenen dieses Artikels konkrete, wiederholbare Schritte im Tagesgeschäft.


    Quellen

    • Stundensätze freiberuflicher Ingenieure (DACH, ~95 €/Std.) – freelancermap: freelancermap.de
    • GULP-Freelancer-Studie, Netto-Stundensatz ~90 € – ingenieur.de: ingenieur.de
    • Stundensätze freiberuflicher Konstrukteure (70 €/100 €) – Randstad/GULP: gulp.de
    • Nicht jede bezahlte Stunde ist verrechenbar (Stundensatz-Kalkulation) – rechnung.de: rechnung.de
    • Bid-Hit-Ratio und Kennzahlen-Tracking im Bauwesen – Sunflower Bank: sunflowerbank.com
    • B2B-Gewinnraten-Benchmarks (21 % / 15 % bei Großprojekten) – Salesmotion: salesmotion.io
    • Verlustgründe bei Ausschreibungen (Preis, Wettbewerb, Qualität) – Loopio: loopio.com
    • Auf jede Anfrage zu antworten senkt die Gewinnrate – The Seibert Group: proposalbestpractices.com
    • Methodik Stundensatz für Anlagen/Arbeitssysteme – business-wissen.de: business-wissen.de