1. Der Aufhänger – die unsichtbare Masse
Niemand kann Ihnen sagen, wie viele SIMATIC S7-300 in deutschen Werkshallen stehen. Siemens nennt bewusst keine Zahl – nur, dass sich die Steuerung „millionenfach bewährt“ habe. Seit 1994 ist sie im Einsatz, über drei Jahrzehnte hinweg zum De-facto-Standard im Maschinen- und Anlagenbau geworden. Genau das ist das Problem: Eine Plattform, die so verbreitet ist, dass niemand sie mehr zählt, läuft jetzt aus.
Und der Auslauf ist keine vage Ankündigung mehr, sondern ein Fahrplan mit Datum. Siemens hat den Produktauslauf 2023 mit dem Meilenstein PM400 eröffnet. Zum 1. Oktober 2025 folgte die Typstreichung PM410 – ab diesem Stichtag sind über 250 Baugruppen der Reihen S7-300 und ET 200M nicht mehr regulär bestellbar, sondern nur noch als Ersatzteil im Reparaturaustausch verfügbar. Die Ersatzteilversorgung ist bis zum 1. Oktober 2033 garantiert. Danach endet sie.
Aus diesen drei Daten – 2023, 2025, 2033 – wird aus einem „irgendwann müssen wir mal“ ein „das Fenster schließt sich“. Jede Anlage, die heute noch auf einer S7-300 läuft, braucht in den nächsten Jahren eine Entscheidung: migrieren oder das Risiko eines Stillstands ohne Ersatzteil tragen. Bei einer Plattform, die millionenfach verbaut ist, summiert sich diese Einzelentscheidung zu einer Migrationswelle, die den gesamten Markt erfasst – und mit ihr eine Flut von Anfragen, die irgendwann auf Ihrem Tisch landen.
2. Die Marktgröße greifbar machen
Wenn die Stückzahl im Dunkeln liegt, lohnt der Blick auf das Geld. Hier wird die Dimension plötzlich scharf. Laut einer Marktanalyse von Mobility Foresights war der weltweite Markt für industrielle Automatisierungs-Retrofits und -Modernisierung 2024 rund 47,6 Mrd. USD wert – und soll bis 2031 auf 86,2 Mrd. USD wachsen, bei einer jährlichen Wachstumsrate von 8,9 %. Das ist kein Auslaufgeschäft, das ist ein Markt, der sich in sieben Jahren nahezu verdoppelt.
Dass diese Zahl kein Ausreißer ist, zeigt eine zweite, unabhängige Schätzung: MarketsandMarkets beziffert den übergeordneten Markt für industrielle Steuerungs- und Fabrikautomation auf 274,99 Mrd. USD (2025) mit Wachstum auf 435,24 Mrd. USD bis 2030 – ausdrücklich getrieben durch die laufende Modernisierung bestehender Fertigungsanlagen. Zwei verschiedene Häuser, dieselbe Richtung: Der Druck kommt aus dem Bestand, nicht aus dem Neubau.
Und genau im Bestand sitzt die S7-300. Laut Future Market Insights sind Steuerungs-Upgrades mit rund 37,5 % das größte einzelne Segment im Retrofit-Markt – also exakt jene Arbeit, die eine S7-300-Migration bedeutet. Deutschland zählt dabei zu den führenden Wachstumsregionen. Mordor Intelligence ordnet das Ganze für Europa über Energieeffizienz- und Green-Deal-Vorgaben ein und nennt die hohen Retrofit-Kosten in Brownfield-Anlagen sogar ausdrücklich als eine der zwei größten Bremsen der Branche.
Kurz: Das Thema ist weder Nische noch Routine. Es ist ein zweistelliger Milliardenmarkt, sein größtes Segment heißt Steuerungs-Modernisierung, und sein anerkannter Schwachpunkt sind genau die Kosten – jene Kosten, die im Angebot beherrscht werden müssen. Ein wichtiger Hinweis dazu: Das sind Analystenschätzungen, keine amtlichen Zahlen. Aber wenn mehrere unabhängige Häuser unabhängig voneinander dieselbe Größenordnung und denselben Treiber nennen, ist das ein belastbares Bild – belastbar genug, um daraus eine geschäftliche Konsequenz zu ziehen.
3. Warum die Migration teuer ist – die versteckten Kosten
Eine S7-300 gegen eine S7-1500 zu tauschen klingt nach einem überschaubaren Eingriff: Steuerung raus, Steuerung rein, Programm konvertieren. In der Praxis ist genau das die Annahme, an der Angebote scheitern. Denn die teuren Posten stehen nicht in der Anfrage – sie stecken in dem, was die Anlage über zwei Jahrzehnte angesammelt hat.
Der erste Kostentreiber ist die Tiefe des Eingriffs. Ein Retrofit ist kein fester Umfang, sondern ein Spektrum: vom reinen Steuerungstausch mit Programmkonvertierung bis zum kompletten Rückbau bis auf die mechanische Basis, bei dem Leitungen, Sensorik, Aktorik und Schaltschrank erneuert werden. Beide Varianten heißen beim Kunden „Retrofit“ – kosten aber ein Vielfaches voneinander. Wer in der Anfrage nicht klärt, welche Tiefe gemeint ist, kalkuliert zwangsläufig die falsche.
Der zweite Treiber ist die Kommunikation. Eine alte Anlage spricht selten nur eine Sprache: Fremdslaves, ältere Bussysteme, gewachsene Signalverdrahtung. Der Wechsel auf Profinet bedeutet, jede dieser Schnittstellen zu prüfen, anzubinden oder zu ersetzen – inklusive der HMI-/Visu-Ebene, die oft komplett neu aufgesetzt oder im alten Layout nachgebaut werden muss. Dieser Aufwand ist im ersten Gespräch fast nie sichtbar, im Projekt aber kaum vermeidbar.
Der dritte Treiber ist die Stillstandszeit. Eine Bestandsanlage steht im Produktionsbetrieb, und jede Stunde Stillstand für Umbau, Verdrahtung und Inbetriebnahme kostet den Kunden bares Geld. Das Stillstandsfenster ist damit kein technisches Detail, sondern ein harter kaufmännischer Posten – und einer, der den Zeitplan und die Kalkulation gleichermaßen bestimmt.
Der vierte Treiber ist die Dokumentation – oder ihr Fehlen. Nach zwanzig Jahren stimmen Schaltpläne nicht mehr mit der realen Verdrahtung überein, Programmstände sind undokumentiert, Firmware und Projektierungsumgebung sind unklar. Jede dieser Lücken muss vor Ort geklärt werden, und jede Klärung kostet Zeit, die irgendwo eingepreist werden muss. Dass die Branche selbst die hohen Retrofit-Kosten in Brownfield-Anlagen als eine ihrer größten Bremsen benennt, ist kein Zufall: Genau diese vier Treiber sind der Grund.
Das Entscheidende daran: Keiner dieser Posten ist ein Zeichen mangelnder Kompetenz. Sie sind die strukturelle Natur des Brownfield-Geschäfts. Aber sie sind auch der Punkt, an dem sich ein Angebot entscheidet – lange bevor die erste Zeile Code geschrieben wird.
4. Das eigentliche Problem: die Angebotserstellung
Die vier Kostentreiber aus dem vorigen Abschnitt haben eines gemeinsam: Sie entscheiden sich nicht im Projekt, sondern im Angebot. Und genau hier liegt die eigentliche Schwierigkeit einer S7-300-Anfrage. Es ist nicht die Technik der Migration – die beherrscht jeder gute Maschinenbauer. Es ist die Frage, wie man für eine Anlage einen belastbaren Preis nennt, die man nur halb kennt.
Denn eine Retrofit-Anfrage kommt fast nie als vollständiges Lastenheft. Sie kommt als „Wir haben da eine Linie mit S7-300, was kostet die Umstellung?“ – und liefert genau die Informationen nicht mit, die den Preis bestimmen. Der Angebotsmanager steht damit vor einer Reihe blinder Flecken, die er aktiv aufdecken muss, bevor er kalkulieren kann:
Wie ist die Doku-Lage? Existieren aktuelle Schaltpläne und ein dokumentierter Programmstand, oder beginnt das Projekt mit einer Bestandsaufnahme vor Ort? Wie sieht die Visu-/HMI-Anbindung aus – wird das bestehende Bedienkonzept übernommen oder neu aufgesetzt? Gibt es Fremdslaves und ältere Bussysteme, die mit auf Profinet müssen? Greift die CE-Pflicht, weil der Umbau eine wesentliche Änderung darstellt und eine neue Risikobeurteilung nach sich zieht? Und welches Stillstandsfenster gibt der Kunde vor – darf in Etappen umgebaut werden, oder muss die Linie in einem engen Wochenendfenster wieder laufen?
Jede dieser Fragen verschiebt den Preis erheblich. Und solange sie offen sind, kalkuliert man nicht – man rät. Das ist der Moment, in dem der gefährlichste Reflex der Angebotserstellung greift: der Pauschalpreis. Unter Zeitdruck, ohne vollständige Information, mit dem Wunsch, schnell eine Hausnummer zu liefern, entsteht eine Zahl, die auf Annahmen statt auf Klärung beruht. Liegt sie zu hoch, ist das Angebot draußen, bevor es gelesen wird. Liegt sie zu niedrig, frisst sich das Projekt durch die Marge – über genau jene versteckten Posten, die in der Anfrage nie standen.
Das eigentliche Risiko der S7-300-Welle ist deshalb kein technisches. Es ist ein kalkulatorisches. Wer die blinden Flecken nicht systematisch aufdeckt, sondern überspringt, baut die Fehlkalkulation bereits in den ersten Angebotsentwurf ein – und merkt es erst, wenn die Inbetriebnahme das Budget längst überschritten hat.
5. Der Lösungsansatz – strukturierte Qualifizierung
Wenn das Risiko nicht in der Technik liegt, sondern im Übersprungenen, dann ist die Lösung keine bessere Kalkulationsformel – sondern eine bessere Klärung, bevor kalkuliert wird. Anders gesagt: Der Hebel sitzt nicht im Preis, sondern in den Fragen, die man stellt, bevor man einen Preis nennt.
In der Praxis beginnt das mit dem, was die Branche ohnehin als ersten Schritt empfiehlt: einer vollständigen Bestandsaufnahme. Welche Linien laufen noch auf S7-300 oder ET 200M? Welche CPUs, Netzteile, I/O-Baugruppen und Kommunikationsprozessoren sind verbaut, in welchem Firmwarestand, mit welcher Projektierungsumgebung? Eine saubere, aktuelle Stückliste ist nicht Bürokratie – sie ist die Grundlage, auf der jede seriöse Kalkulation überhaupt erst steht. Wer hier Transparenz schafft, verwandelt einen blinden Fleck nach dem anderen in einen kalkulierbaren Posten.
Der entscheidende Unterschied ist die Systematik. Bauchgefühl klärt die offensichtlichen Punkte und übersieht die teuren. Eine strukturierte Qualifizierung dagegen geht dieselben Fragen jedes Mal in derselben Reihenfolge durch – Doku-Lage, Visu-Anbindung, Fremdslaves, CE-Pflicht, Stillstandsfenster – und stellt sicher, dass kein Kostentreiber unbemerkt durchrutscht. Sie ersetzt nicht die Erfahrung des Angebotsmanagers; sie macht sie reproduzierbar. Das Wissen, das sonst nur im Kopf des erfahrensten Kollegen steckt, wird zur abrufbaren Checkliste, die jeder im Vertrieb anwenden kann.
Genau an diesem Punkt wird aus einem Prinzip ein Werkzeug. Wenn die richtigen Fragen feststehen und ihre Reihenfolge sich bewährt hat, lässt sich der Klärungsprozess in ein Instrument gießen, das durch genau diese Punkte führt – Anfrage für Anfrage, ohne dass etwas vergessen wird. Kein Ersatz für Fachverstand, sondern ein Geländer für ihn: ein Navigator, der den Weg von der vagen Retrofit-Anfrage zum belastbaren Angebot strukturiert.
6. Fazit – aus der Deadline ein Angebotsvorteil machen
Am Anfang stand eine Lücke: Niemand weiß, wie viele S7-300 verbaut sind. Doch genau diese Unschärfe ist der Kern der Geschichte. Auf der einen Seite ein millionenfach verbauter Bestand, ein zweistelliger Milliardenmarkt, dessen größtes Segment Steuerungs-Modernisierung heißt. Auf der anderen Seite ein Datum: der 1. Oktober 2033, ab dem auch das letzte Ersatzteil verschwindet. Riesig und unscharf trifft auf hart und terminiert – diese Spannung erzeugt die Migrationswelle, und sie sorgt dafür, dass die Anfragen kommen werden, ob man darauf vorbereitet ist oder nicht.
Vorbereitet sein heißt dabei nicht, der technisch beste Migrierer zu sein. Es heißt, der präziseste Anbieter zu sein. Denn der Wettbewerb um diese Projekte entscheidet sich nicht an der Frage, ob jemand eine S7-1500 in Betrieb nehmen kann – das können viele. Er entscheidet sich daran, wer einen Preis nennt, der nach der Inbetriebnahme noch stimmt. Wer die blinden Flecken systematisch aufdeckt, gewinnt zweifach: Er kalkuliert verlässlicher und er signalisiert dem Kunden Kompetenz schon im Angebot – lange bevor die erste Schraube gelöst ist.
Die S7-300-Abkündigung ist deshalb für den Maschinenbau weniger ein technisches als ein kaufmännisches Ereignis. Sie ist die Bewährungsprobe für die Angebotserstellung – und für jeden, der sie strukturiert angeht, eine Chance, sich genau dort zu differenzieren, wo andere raten.
Das Werkzeug zum Artikel
Damit aus diesem Prinzip Praxis wird, finden Sie hier den S7-300-Migrations-Navigator: ein interaktives Tool, das Sie durch die entscheidenden Qualifizierungsfragen einer Retrofit-Anfrage führt – Doku-Lage, Visu-Anbindung, Fremdslaves, CE-Pflicht und Stillstandsfenster – und am Ende ein strukturiertes Anforderungsprofil als Grundlage für Ihr Angebot liefert. Kein Ersatz für Ihren Fachverstand, sondern ein Geländer für ihn.
Quellen
Abkündigungs-Timeline & Verbreitung
- JC-Electronics – Die Geschichte und Bedeutung der SIMATIC S7-300. Verbreitung seit 1994, „millionenfach bewährt“, Timeline PM400 (2023) / PM410 (Verkaufsstopp 1.10.2025) / Ersatzteilgarantie bis 1.10.2033. https://www.jc-electronics.com/de/blog/Die-Geschichte-und-Bedeutung-der-SIMATIC-S7-300
- Liebl Industry Partners – S7-300 vor dem Aus: Was das Auslaufdatum im Oktober 2025 für Betreiber bedeutet. Bedeutung der Typstreichung PM410 aus Betreibersicht, Bestandsaufnahme und Stückliste als erster Schritt. https://liebl-ip.de/s7-300-vor-dem-aus-was-das-auslaufdatum-im-oktober-2025-fuer-betreiber-bedeutet/
- Eichler Service – SIMATIC S7-300 / ET 200M – type discontinuation (PM410) effective October 2025. Über 250 betroffene Baugruppen, ab Oktober 2025 nur noch als Ersatzteil verfügbar. https://www.eichler-service.com/en/magazine/article-search/articles/simatic-s7-300-et-200m-type-discontinuation-pm410-effective-october-2025
- S&K Anlagentechnik – Abkündigung der beliebten Siemens S7-300 Steuerung. Retrofit-Tiefen (kleines vs. großes Retrofit, Rückbau bis zur mechanischen Basis), HMI-Modernisierung, F-CPU, CE-Begleitung. https://sundk.de/abkuendigung-der-beliebeten-siemens-steuerung/
Marktgröße & Retrofit-Ökonomie (Analystenschätzungen, keine amtlichen Daten)
- Mobility Foresights – Industrial Automation Retrofit and Modernization Market. Marktvolumen 47,6 Mrd. USD (2024) → 86,2 Mrd. USD (2031), 8,9 % CAGR; Brownfield als deutlich größeres Feld gegenüber Neubau. https://mobilityforesights.com/product/industrial-automation-retrofit-and-modernization-market
- Mordor Intelligence – Industrial Automation Market. Hohe Retrofit-Kosten in Brownfield-Anlagen als eine der zwei größten Wachstumsbremsen; Europa über Energieeffizienz/Green Deal eingeordnet. https://www.mordorintelligence.com/industry-reports/industrial-automation-market
- MarketsandMarkets – Industrial Control & Factory Automation Market. 274,99 Mrd. USD (2025) → 435,24 Mrd. USD (2030), 9,6 % CAGR; Treiber: laufende Modernisierung bestehender Fertigungsanlagen. https://www.prnewswire.com/news-releases/industrial-control–factory-automation-market-worth-435-24-billion-by-2030—exclusive-report-by-marketsandmarkets-302658335.html
- Future Market Insights – Industrial Robotics Retrofit Service Market. Control-System-Upgrades als größtes Retrofit-Segment (37,5 % Anteil); Deutschland unter den Top-Wachstumsregionen. https://www.futuremarketinsights.com/reports/industrial-robotics-retrofit-service-market
Hinweis: Die unter „Marktgröße & Retrofit-Ökonomie“ genannten Zahlen sind Analystenschätzungen verschiedener Marktforschungshäuser und keine amtlichen Daten. Sie sind im Artikel entsprechend als „laut Marktanalyse“ gekennzeichnet.